Alkoholsteuer rückt ins Rampenlicht
Berlin hat wieder ein Lieblingsthema entdeckt: den Alkohol. Gesundheitspolitiker:innen von SPD und CDU/CSU werben dafür, alkoholische Getränke über höhere Abgaben spürbar zu verteuern – mit dem erklärten Ziel, „riskanten Konsum“ zu senken. Klingt nach großem Hebel. Ist es auch. Aber: Noch ist es ein Vorstoß, kein Gesetz.
Was geplant ist – und was (noch) nicht
Der Kern der Forderung ist klar formuliert und zugleich offen. Klar: Alkohol soll teurer werden, weil höhere Preise den Konsum dämpfen – vor allem bei Jugendlichen und Vieltrinkenden. Offen: Wie hoch die Steuersätze steigen sollen, für welche Kategorien genau und ab wann, bleibt bislang unkonkret.
Auch die Zweckbindung der Mehreinnahmen ist Teil der Debatte: Prävention, Suchtberatung, Therapie, Versorgung alkoholbedingter Erkrankungen – statt „Haushaltslöcher stopfen“. So weit die Ansage.
Preis als Prävention
Wer an der Kasse mehr zahlt, denkt länger nach – jedenfalls im Durchschnitt. Diese nüchterne Annahme ist in der Alkoholpolitik kein Geheimwissen, sondern Standard.
Der Kontext ist dabei politisch dankbar: Alkohol ist in Deutschland im EU-Vergleich günstig. Nicht „ein bisschen“, sondern deutlich. Das liefert Argumente – und macht die Maßnahme kommunikativ einfacher: Man erhöht nicht „ins Unendliche“, man rückt „näher an Europa“.
Und trotzdem bleibt die Frage, die in jeder Kneipe sofort auftaucht: Trifft das wirklich die, die man erreichen will – oder einfach alle?
Biersteuer nach Stammwürze, nicht nach Promille
Für Bier ist die Sache steuerlich traditionell eigenwillig – und ziemlich deutsch. Die Biersteuer orientiert sich am Stammwürzegehalt (Grad Plato), nicht am Alkoholgehalt. Was heißt das praktisch? Bei einem üblichen Vollbier (12°P) landet man je 0,5 Liter bei grob fünf Cent Biersteuer – plus Mehrwertsteuer obendrauf. Für kleine, unabhängige Brauereien gibt es Ermäßigungen.
Wenn die Politik nun „Alkoholsteuer“ sagt, ist Bier trotzdem mitgemeint – aber eben in einem eigenen System. Und genau da könnte die Debatte für Brauereien heikel werden: Erhöht man pauschal? Staffelt man nach Alkohol? Oder bleibt man beim bisherigen Biersteuer-Prinzip und dreht nur am Satz?
Sekt, Spirituosen, Alkopops
Während Bier steuerlich eher nach Handwerk klingt, ist es bei anderen Kategorien deutlich direkter:
- Schaumwein (Sekt & Co.) wird pro Hektoliter besteuert. Für eine 0,75-Liter-Flasche sind es derzeit etwa 1,02 Euro (ab 6 % vol)
- Zwischenerzeugnisse (z. B. verstärkte Wein-/Aperitifprodukte) liegen – je nach Alkoholstärke – grob bei 0,76 Euro je 0,75 Liter (bis 15 % vol).
- Spirituosen werden nach Litern Reinalkohol besteuert. Eine 0,7-Liter-Flasche mit 40 % vol. enthält 0,28 Liter Reinalkohol – das entspricht rund 3,65 Euro Alkoholsteuer, bevor Mehrwertsteuer dazukommt.
- Alkopops tragen zusätzlich eine Sondersteuer – bemessen nach Reinalkohol. Bei 0,275 Liter und 5,5 % vol. sind das rund 84 Cent pro Flasche.
Das ist der Punkt, an dem der aktuelle Vorstoß besonders laut wird: Der Schwerpunkt soll „klar auf hochprozentigem Alkohol“ liegen. Also dort, wo Abhängigkeit und Folgekosten statistisch besonders ins Gewicht fallen – und wo der steuerliche Effekt pro Flasche schon heute sichtbar ist.
Und der Wein?
In dieser Steuerlandschaft wirkt Wein wie das Familienmitglied, das nie zum Abwasch eingeteilt wird.
Für stillen Wein gibt es in Deutschland keine spezielle Verbrauchsteuer. Warum? Historisch, europarechtlich, politisch – und weil sich Wein in Deutschland traditionell eher als Kultur- denn als Problemträger inszeniert. An der Stelle ist die Weinlobby scheinbar wirkmächtiger als die Braubranche.
Und das wird in jeder Debatte über „fair“ oder „konsequent“ sofort zum Thema. Wenn Alkohol insgesamt teurer werden soll, warum dann ausgerechnet eine ganze Kategorie ausnehmen?
Was das für Branche und Konsumkultur bedeutet
Für Brauereien, Handel und Gastronomie ist der Vorstoß vor allem eines: Unsicherheit. Preiserhöhungen sind in den letzten Jahren ohnehin Alltag geworden. Eine zusätzliche steuerliche Drehung am Zapfhahn trifft nicht nur „die Flasche im Regal“, sondern das komplette System vom Sudhaus bis zum Stammtisch.
Auf der anderen Seite ist der gesundheitspolitische Impuls schwer wegzuwischen: Wenn Alkohol im EU-Vergleich auffallend günstig ist, wird die Preisschraube früher oder später wieder diskutiert.
Bleibt die Kulturfrage – und die ist komplizierter als jede Steuerformel: Wollen wir weniger trinken, besser trinken, anders trinken? Oder einfach nur: bewusster?
Am Ende gilt wohl das, was im Bier wie im Leben selten falsch ist: Lieber einen Schritt langsamer – aber mit klarem Kopf.
Und wenn’s dann ein gutes Bier ist, umso besser. Cheers.
Foto: KI-generiert
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