Folge 9 - WM 2026 - Vorrundengruppe I
Weiter geht's mit unserer Serie zur Bierkultur jener Länder, die an der Fußball-WM teilnehmen. Auch wenn die Vorrunde längst zu Ende ist, wollen wir einen Blick in die Vorrundengruppe H werfen und die Bierkultur in den Ländern Frankreich, Norwegen, dem Irak und Senegal erkunden.
Folge 1: Gruppe E&J
Deutschland, Elfenbeinküste, Curaçao, Ecuador (E) und Argentinien, Algerien, Kongo, Österreich (J)
Folge 2: Gruppe A
Mexiko, Südafrika, Südkorea, Tschechien
Folge 3: Gruppe B
Schweiz, Kanada, Bosnien-Herzegowina, Katar
Folge 4: Gruppe C
Brasilien, Marokko, Schottland, Haiti
Folge 5: Gruppe D
USA, Australien, Paraguay, Türkei
Folge 6: Gruppe F
Niederlande, Japan, Schweden, Tunesien
Folge 7: Gruppe G
Belgien, Ägypten, Iran, Neuseeland
Folge 8: Gruppe H
Spanien, Kap Verde, Uruguay, Neuseeland
Frankreich
Denke ich an Frankreich, sitze ich in der Sonne, ein Glas Wein in der Hand, Baguette und Käse auf dem Tisch. Bier kommt in diesem Bild nicht vor.
Ein Blick in die Statistik zeigt jedoch: Frankreich ist ein Bierland. Geworden. Die Craftbier-Bewegung hat die Trinkkultur im Land verändert. In den 1980er Jahren gab es kaum zwei Dutzend Brauereien, 2013 waren es rund 500 und heute steht Frankreich mit rund 2.500 aktiven Braustätten an der Spitze Europas; vor Deutschland.
Elsass
Rund 60 Prozent des französischen Biers kommen aus dem Elsass. Hier sitzt Kronenbourg, die größte Brauerei des Landes. Sie wurde 1664 in Straßburg gegründet und gehört heute zur dänischen Carlsberg-Gruppe. Ihr helles Lager 1664 ist das bekannteste französische Bier, man findet es fast überall auf der Welt.
Daneben gibt es traditionsreiche Familienbrauereien. Brasserie Meteor, gegründet 1640, ist die älteste. Ihr Flaggschiff Meteor Pils steht seit fast 100 Jahren für klassische französische Braukunst. Ebenfalls im Elsass beheimatet ist die Brasserie Licorne, deren wichtigste Biere Licorne Pils, Licorne Elsass und Licorne Authentique die regionale Brautradition pflegen.
Ein Riese für Afrika
Der weltweit achtgrößte Brauereikonzern ist französisch. Castel, 1949 von Pierre Castel gegründet, ist vor allem Frankreichs größter Weinproduzent. Ins Biergeschäft kam die Gruppe 1990, mit dem Kauf der Brasseries et Glacières Internationales (BGI). Über BGI braut Castel rund 44 Millionen hl im Jahr, fast ausschließlich in und für Afrika. Im eigenen Land sieht man davon kaum etwas.
Bière de Garde und Kastanienbier
Ganz im Norden, an der belgischen Grenze, pflegt Frankreich seinen eigenen Bierstil: Bière de Garde, einzuordnen als Spielart der Farmhouse Ales. Ursprünglich wurden diese kräftigen, malzbetonten Biere im Winter für den Sommer gebraut. Bis heute gelten Jenlain der Brasserie Duyck und Ch'Ti der Brasserie Castelain als die bekanntesten Vertreter dieses traditionellen Stils.
Anders im Süden. Die Kastanie war über Jahrhunderte das Grundnahrungsmittel Korsikas, aus dem Mehl machte man Brot, Kuchen und – Bier. Die Brasserie Pietra verwendet bis heute einen guten Anteil an Kastanienmehl für ihre Biere.
Und dann »Craft«
Frankreich pflegt also ländertypische Traditionen. Daneben genießt die französische Craftbier-Szene internationales Renommee. Brauereien wie Popihn, La Débauche, Mont Salève, Piggy Brewing, Cambier, Sainte Cru oder Aerofab brauen New England IPAs, Double IPAs, Barrel-Aged Stouts, Sauerbiere und vieles mehr.
Irak
Niemand weiß genau, wie Bier wirklich entstanden ist. Die naheliegendste Erklärung: Getreide weichte in Steinmulden auf, Regen kam dazu, wilde Hefen setzten eine Gärung in Gang. Bier als Zufallsprodukt. Als Entdeckung, nicht als Erfindung.
Archäologische Funde legen nahe, dass das vor rund 10.000 Jahren gewesen sein muss — irgendwo im Fruchtbaren Halbmond, dem Landstrich von Babylonien über das Zweistromland bis in den Süden der heutigen Türkei und nach Persien, der Wiege des Ackerbaus. Der Ort, an dem Menschen begannen, sesshaft zu werden.
Warum sie das überhaupt wurden, ist bis heute umstritten. Der Biologe Josef H. Reichholf argumentiert in „Warum die Menschen sesshaft wurden": Weil sie Getreide zum Bierbrauen anbauen wollten. Der Kognitionswissenschaftler Edward Slingerland geht in „Drunk" noch weiter: Alkohol war eine Schlüsseltechnologie der Zivilisation — er schuf Vertrauen unter Fremden, löste Hemmungen, machte große Gesellschaften erst möglich. Beide sind sich in einem einig: Am Anfang war das Bier. Vielleicht ist die Zivilisation eine Nebenwirkung des Durstes, des Rausches.
Ninkasi und Hammurabi
Um 1.800 vor unserer Zeitrechnung entstanden die Hymnen an Ninkasi, jene sagenumwobene sumerische Göttin des Bieres. In ihnen findet man eine vollständige Brauereirezeptur: Bappir, ein zweimal gebackenes Malzbrot, diente als Rohstoff und Gärstarter zugleich. Die Würze wurde durch Getreideschichten gefiltert, die Gärung verlief in Tongefäßen. Der babylonische König Hammurabi ließ um 1754 vor unserer Zeitrechnung auch das Bier in sein Gesetzbuch aufnehmen. Wer als Schankwirtin zu viel verlangte, wurde hingerichtet. Wer Bier mit Wasser streckte, wurde im eigenen Bier ertränkt. Beides, die Hymnen und das Gesetzbuch entstanden im heutigen Irak.
Heute
Der Irak ist heute zu über 95 Prozent muslimisch. Brauereien gibt es kaum noch. Eine Ausnahme ist die autonome Region Kurdistan im Norden: In Erbil produziert die Al-Zuhour-Brauerei seit Jahrzehnten. Sie war or dem Krieg eine der bekanntesten Braustätten des Landes. Bier ist in Kurdistan toleriert und in manchen Bereichen des Alltags normalisiert. Im Rest des Irak ist der Zugang stark eingeschränkt.
Norwegen
In Norwegen ist Alkohol Staatssache. Biere mit einen Alkoholgehalt von maximal 4,75 Prozent dürfen im Supermarkt angeboten werden. Alles stärkere Gebräu muss im soganannten Vinmonopolet verkauft werden. Und das zu staatlich geregelten Preisen und mit enormen Aufschlägen für die Biersteuer.
Ein Liter Standardbier (also jenes aus dem Supermarkt) wird mit rund 2,10 Euro besteuert; das Neunundzwanzigfache des deutschen Satzes (0,072 Euro) und das Zehnfache des österreichischen (0,22 Euro). Ein halber Liter im Lokal kostet zwischen acht und vierzehn Euro. Trotzdem trinken und lieben die Norweger und Norwegerinnen das Bier.
Die Großen
Die größte Brauerei des Landes ist Ringnes in Oslo, seit 2004 in Händen der dänischen Braugruppe Carlsberg. Das Flaggschiff ist das Pilsner, das den norwegischen Massenmarkt dominiert.
Hansa Borg Bryggerier ist aus dem Zusammenschluss der traditionsreichen Hansa Bryggeri in Bergen und Borg Bryggerier entstanden. Mack Bryggeri, 1877 in Tromsø gegründet und bis 2012 als nördlichste Brauerei der Welt bekannt, braut heute im nordnorwegischen Nordkjosbotn. Die historischen Gebäude in Tromsø mit der legendären Ølhallen und einem Mikrobrauhaus bleiben jedoch das kulturelle Herz der Brauerei.
Das Alte
Schon die Wikinger brauten Bier aus Gerste und würzten es mit Wacholder, Heidekraut oder Kräutern. Bier war Teil religiöser Feste und gesellschaftlicher Zusammenkünfte. Bis heute lebt diese Tradition im Maltøl (Malzbier) und vor allem im Kornøl weiter, einem historischen Farmhouse Ale aus Westnorwegen, das mit Wacholderwasser gebraut und häufig mit traditioneller Kveik-Hefe vergoren wird.
Fast wäre dieses Wissen verloren gegangen. Der Blogger und Hobbyhistoriker Lars Marius Garshol bereiste ab 2013 Westnorwegen, besuchte dutzende Bauernhöfe, sammelte Proben und dokumentierte, was er fand. Über seinen Blog machte er Kveik weltweit bekannt. Heute brauen Brauereien auf der ganzen Welt mit norwegischen Farmhouse-Hefen.
Die Kleinen
Seit den 2000er-Jahren hat sich eine lebendige Craftbier-Szene entwickelt. Zu den wichtigsten Akteuren zählen Nøgne Ø aus der kleinen Küstenstadt Grimstad im Süden Norwegens. Die Brauerei ist auf internationaler Ebene berühmt für Imperial Stouts, India Pale Ales und Barrel-Aged-Biere. Auch Lervig Aktiebryggeri aus Stavanger exportiert seine Hazy IPAs, Sauerbiere und kräftige Stouts in die ganze Welt. Ebenfalls prägend sind Ægir Bryggeri, das nordische Brautraditionen mit modernen Stilen verbindet, sowie 7 Fjell Bryggeri in Bergen.
Lange 28 Jahre
Norwegen war zuletzt 1998 bei einer Fußball-WM. 28 Jahre Pause. Jetzt ist Erling Haaland dabei — der beste Stürmer seiner Generation. Wir werden sehen und sagen: Skål!
Sénégal
1928 gründet die französische Gruppe Brasseries et glacières d'Indochine in Dakar eine Brauerei. Ihr erstes Bier heißt La Gazelle, ein helles Lager, ist, gut gekühlt perfekt für das dortige Klima. Die Brauerei wächst, fusioniert, wird zu SOBOA, der Société des brasseries de l'Ouest africain.
Heute produziert SOBOA vier Biermarken: Gazelle, Flag, Castel Beer und „33" Export. Letzteres wurde vor dem Zweiten Weltkrieg von BGI in Saigon gebraut. Der Name kommt von der 33-Zentiliter-Flasche, die damals für den Export bestimmt war. Nach dem Fall Saigons 1975 verlagerte BGI seine Aktivitäten nach Afrika und nahm die Marke mit. Das ursprünglich indochinesische Bier wird heute in ganz Westafrika geliebt.
Seit 1991 gehört SOBOA zur französischen Castel Group — derselben, die in Marokko die Société des Brasseries du Maroc kontrolliert und von der wir im Abschnitt über Frankreich schon gelesen haben.
95 Prozent muslimisch, Bier gibt es überall
Senegal ist zu rund 95 Prozent muslimisch. Trotzdem wird in Dakar Bier offen verkauft, in Bars, Restaurants, kleinen Läden. Trinken in der Öffentlichkeit ist zwar nicht erlaubt, wird aber nur während des Ramadan und in religiösen Hochburgen durchgesetzt. Die Spannung zwischen Glauben und Alkoholkonsum existiert, wird allerdings entspannter gelebt als zum Beispiel in Marokko oder in der Türkei.
Boumkaye
Im Süden Senegals, in der Region Casamance, leben die Diola. Ihr traditionelles Bier heißt Boumkaye, es wird seit Jahrhunderten aus Hirse gebraut. Statt Malz nehmen die Stängel einer Schlingpflanze (Abrus pulchellus), weichen sie ein und gewinnen daraus einen Extrakt voller Enzyme, die die Hirsestärke in vergärbare Zucker umwandeln. Hefe und Milchsäurebakterien von den Rohstoffen und aus der Umgebung vergären die Flüssigkeit zu einem sauren, nährenden Bier.
Bissap, Touba, Palmwein
Bissap ist ein tiefroter Tee aus Hibiskusblüten, leicht säuerlich, eisgekühlt. Café Touba, ein mit westafrikanischem Selim-Pfeffer und Nelken gewürzter Kaffee, ist nach der heiligen Stadt der Mouride-Bruderschaft, der einflussreichsten islamischen Gemeinschaft des Landes benannt. Palmwein, von Palmen gezapft, ist frisch, süß und nach einem Tag schon ein bisschen alkoholisch.
Das sind die Getränke des senegalesischen Alltags. Bier kommt danach.
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